Das Licht der letzten Tage

Das Licht der letzten Tage
Das Licht der letzten Tage

Was wäre, wenn morgen die Welt unterginge? Wenn wir wirklich nichts ausrichten könnten gegen den nächsten Super-Virus, der den Globus umrundet; wenn Antibiotika nicht mehr wirken würden? Emily St. John Mandels Roman „Das Licht der letzten Tage“ spielt dieses Szenario durch: Ein Grippevirus tötet innerhalb weniger Stunden gut und gerne 99 Prozent der gesamten Menschheit, übrig bleibt eine Gesellschaft der Post-Apokalypse. Ohne Strom und Technik, Logistik oder Regierung. Es gibt kaum Perspektive in dieser neuen Wirklichkeit, und doch gibt es Hoffnung: Sie lebt von der Erinnerung an die Welt vor dem Zusammenbruch, an unsere Welt.

Im Zentrum der Geschichte steht auch das Theater als Quintessenz der humanistischen  Kultur. Auf der Bühne stirbt der berühmte Schauspieler Arthur Leander als erstes Opfer der Super-Grippe. Neben ihm im Scheinwerferlicht steht an diesem Abend Kirsten: Ein Kind, das den Virus überlebt und Jahre später, als Erwachsene, mit einer Gruppe Musiker und Schauspieler durch das fast menschenleere Nordamerika zieht. Diese fahrende Symphonie spielt immer nur Shakespeare – weil, so heißt es, das Publikum nur den größten aller Dramatiker der untergegangenen Welt sehen will. Und Kirsten hält sich fest an einem Comic namens „Station Eleven“, der im „Licht der letzten Tage“ spielt – und der zum roten Faden wird in diesem Roman, der drei Jahrzehnte umspannt.

Helden, die wachsen und begreifen, manchmal zu spät

Mandel begleitet mehrere Protagonisten vor und nach der Pandemie. Sie zeigt das Werden und Vergehen ihrer Helden, lässt sie wachsen und begreifen, manchmal zu spät. Lässt sie scheitern als Mensch, als Vater, als Liebende. Kunstvoll deckt die Autorin erst nach und nach auf, in welcher Beziehung diese Leute zueinander standen und stehen – vor allem davon lebt der Spannungsbogen des Buches, der bis zum Schluss trägt. Obwohl sie in ihrem Roman um große Fragen der menschlichen Existenz kreist, bleibt Emily St. John Mandel jedoch oft an der Oberfläche: Die Schreckensszenarien ihrer Apokalypse deutet sie nur an, gestorben wird meistens woanders. Auch wenn es um die Rolle der Kunst geht, geht sie nicht in die Tiefe. Mandel gelingt es nicht zu vermitteln, was die Akteure der fahrenden Symphonie da am Leben erhält, sie könnten auch eine Zirkustruppe sein.

Und doch schafft dieser Roman, der sich keinem Genre eindeutig zuordnen ließe, starke Bilder und gräbt sich in den Kopf des Lesers:  Weil er im vertrauten Hier und Jetzt ansetzt; in unserem Alltag, dessen Annehmlichkeiten wir kaum noch wahrnehmen. Dass dahinter freilich die recht platte Moral unserer ach so schönen und schätzenswerten Welt steckt, sei Emily St. John Mandel verziehen.

Emily St. John Mandel: Das Licht der letzten Tage.
Übersetzt von Wiebke Kuhn. 416 Seiten, Piper Verlag  München 2015.  14,99 Euro.

 

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