Im Kino: Colonia Dignidad

Lena (Emma Watson) und Daniel (Daniel Brühl) geraten in die Straßenunruhen während des Militärputschs in Chile. (Copyright: Majestic / Ricardo Vaz Palma)
Lena (Emma Watson) und Daniel (Daniel Brühl) geraten in die Straßenunruhen während des Militärputschs in Chile. (Copyright: Majestic / Ricardo Vaz Palma)

Irre spannend, wahnsinnig bewegend: beides ist der neue Film von Florian Gallenberger, „Colonia Dignidad“, der jetzt mit Daniel Brühl und Emma Watson in die Kinos gekommen ist. Tempo-  und kenntnisreich zeigt der Film die Schreckensherrschaft des deutschen Sektenführers Paul Schäfer, der in Chile jahrzehntelang Menschen in einer hermetisch abgeriegelten Kolonie missbrauchte, folterte, brach: in seiner Colonia Dignidad.

Watson und Brühl spielen ein deutsches Pärchen in Chile, das 1973 im Pinochet-Putsch gefangenen genommen wird. Er, Daniel, wird verschleppt in die Colonia Dignidad;  sie, Lena, folgt ihm freiwillig aus Liebe. Für beide beginnt ein Leben in einer fremden und unmenschlichen Welt.

In der Colonia Dignidad gibt es keine Familien; die Bewohner leben nach Alter und Geschlecht getrennt; zwischenmenschliche Beziehungen verbietet Paul Schäfer, der sich Pius nennen lässt. Weil Arbeit als „Gottesdienst“ gilt, schuften die Menschen bis zum Umfallen, bauen Waffen, bestellen das Land, leben in kargsten Verhältnissen und keuscher Verblendung. Doch während Paul Schäfer Frömmigkeit und Enthaltsamkeit predigt, vergeht er sich selbst an minderjährigen Jungen; er pflegt enge Beziehungen zum Diktator Pinochet, soll ein Waffenlager in der Kolonie unterhalten haben und ließ systematisch Systemgegner in Bunkern unter der Erde foltern.

Die fiktive Geschichte von Daniel und Lena erzählt eine Wahrheit, die dem Zuschauer kaum erträglich ist: Dass in dieser Sekte rund 300 Menschen jahrzehntelang so gelebt und gehandelt haben. Dass viele von ihnen freiwillig zu Sklaven wurden, auch zu Monstern; dass sie einem sadistischen Soziopathen folgten, vor dem es kaum Entkommen gab – und dass die deutschen Behörden, die Botschaft zum Beispiel, nicht nur wegsahen, sondern auch kollaborierten. Die Colonia galt als einflussreich in Pinochets Chile: Paul Schäfer tauchte erst Mitte der 90er Jahre unter, 2005 wurde er festgenommen, 2010 starb er in Gefangenschaft. Seine Colonia Dignidad gibt es noch heute.

Gallenberger erzählt schonungslos anklagend

Teil dieses Wahnsinns ist es, dass die Geschichte und die bloße Existenz dieser Sekte in Deutschland heute kaum noch bekannt sind. Gallenbergers Film ändert das gerade.

Der Oscar-Preisträger kommt ohne billige Effekte aus und versucht nicht, psychologisierende Erklärungen zu geben. Doch er erzählt schonungslos anklagend und strickt die Spannung so dicht, dass dem Zuschauer bis zum letzten Moment kaum Gelegenheit zum Wegsehen bleibt. Daniel wird gefoltert, Lena verprügelt, Daniel soll vergast werden, Selbstschussanlagen und Elektrozäune machen die Flucht schier unmöglich.

Gallenberger zeigt eine perfide Welt ohne Ausweg,  die der Zuschauer durch Lenas Augen nach und nach entdeckt; aus ihrer Sicht sind weite Strecken des Films erzählt. Und – die wie immer großartige  – Emma Watson spielt eine Lena, die fast übermenschlich stark ist: Das ist ein fiktiver Teil dieser Geschichte; das Happy End ist ein weiterer.

Dass Watson die Hauptrolle in diesem Film übernommen hat, dürfte dem Streifen auch internationale Türen öffnen. Zum Glück, denn „Colonia Dignidad“ hat viele Zuschauer verdient. So aufwühlend war der deutsche Film schon lang nicht mehr.

Der WDR hat einen sehens-  und lesenswerten Themenschwerpunkt zur Colonia Dignidad veröffentlicht:  Planet Wissen „Colonia Dignidad – Gefangen in einer Sekte“

 

 

 

 

 

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