Diese Ohrfeige sitzt

ohrfeigeAbbas Khider hat einen Roman geschrieben, der vielleicht gar keiner ist. Denn stellenweise liest sich seine „Ohrfeige“ wie ein Erlebnisaufsatz: Da erzählt ein Flüchtling, wie es um die Jahrtausendwende war, in Deutschland als Asylbewerber zu leben. Es ist eine Flucht ohne Ankommen;  Khiders Romanfigur Karim Mensy will am Ende seiner Odyssee durch bayerische Asylheime nur noch fort aus Deutschland.

„Jahrelang habe ich hier gelebt und nun gehe ich mit leeren Händen. Was ich mitnehme, ist tief in mir. Es sind die vielen Erinnerungen an die anderen verlorenen Seelen und daran, wie wir uns  so weit weg von zu Hause in die Arme liefen.“

Die politische Lage mag heute eine andere sein, die Situation der Flüchtlinge vielerorts dramatischer. Trotzdem ist „Ohrfeige“ ein brandaktuelles Buch. Denn das, was Karim fühlt, wenn sein Wohl und Wehe der vermeintlichen Willkür deutscher Behörden ausgeliefert  ist – dieses Gefühl hat noch jede Asylreform überdauert. Karim findet in Deutschland ein Leben in Angst vor der Abschiebung, aber keine Perspektiven; keine Möglichkeit, gutes Geld zu verdienen, keinen Anschluss, keine echten Verbündeten.

Der Roman ist eine Abrechnung:  Karim hat seine Sachbearbeiterin Frau Schulz auf dem Stuhl gefesselt; nun muss sie ihm endlich zuhören, bevor er das Land für immer verlassen will. Seine Geschichte beginnt in Saddam Husseins Irak, doch Karim ist nicht aus politischen Gründen geflüchtet, sondern weil er auf medizinische Hilfe in Deutschland hoffte. Seine Brüste sind unnatürlich groß und die Wehrpflicht stand ihm bevor: „Damals war ich bereit und entschlossen, alles zu tun und überall hin zu gehen, nur um nicht in die Armee zu müssen.“

Der junge, alleinstehende Moslem, den die Wutbürger fürchten

Karim ist kein Vorzeigeflüchtling, im Gegenteil: Er ist der junge, alleinstehende Moslem, den die Wutbürger heute fürchten; er feiert mit seinen Kumpels im Asylheim, er schlägt seine Zeit in der Kleinstadt tot, trinkt auch mal einen über den Durst. Aber Karim schafft es, sauber zu bleiben:  Er klaut nicht, geht nicht auf den Strich und arbeitet nicht schwarz.

Karims Bericht ist die Geschichte einer einzigen, andauernden Entmündigung: Er ist abhängig  von seinem Schlepper, der ihn eigentlich bis Frankreich hätte bringen sollen; er weiß im Grunde nie so recht, was der deutsche Staat gerade von ihm will. Nette Deutsche trifft Karim nur bei der Caritas,   nach dem 11. September 2001 erlebt er Misstrauen und noch mehr Ablehnung als zuvor. Als ihm ein zweijähriges  Asyl bewilligt wird,  findet Karim keine Wohnung: Er zieht ins Obdachlosenheim.

„Der beste Ort für alle Flüchtlinge in ganz Bayreuth  war zweifelsohne das Rotmain-Center. Überall war es warm und man konnte hier die Einheimischen beobachten, ohne gestört zu werden. Zu gern wollten wir sein wie sie. Aber wie sollte das gehen? Wir standen mitten drin und doch waren wir meilenweit von alldem entfernt. Die Einheimischen gingen shoppen, wir wärmten uns an ihren Leben.“

Wo die Biographie des Autors beginnt und aufhört in diesem Roman?  Der Leser erfährt es nicht, doch Abbas Khider hat im Jahr 2000 selbst als irakischer Flüchtling Asyl in Deutschland bekommen. „Ich habe das alles erlebt“, sagt er heute, „mein Leben war auch voller Angst. Es gibt keine Ruhe für einen Asylbewerber in Deutschland.“ Anders als seine Romanfigur hat Khider sich hier ein Leben  aufgebaut; er studierte in München und Potsdam und lebt heute in Berlin. Vielleicht aus dem persönlichen Erleben heraus gelingen Khider immer wieder Formulierungen, die das Dilemma auf den Punkt benennen und dem Leser die Augen öffnen für eine Welt, die er sich zuvor nicht mal vorstellen konnte.

Diese „Ohrfeige“ ist demnach eine Übung in Empathie. Durch sein Erzählen ist Karim nicht länger das Aktenzeichen, das er für Frau Schulz immer war; er ist nicht mehr der gesichtslose Flüchtling, der als Schreckgespenst durch die Nachrichten wandert. Seine Geschichte macht ihn zum Menschen, der darauf hoffen darf,  dass ein anderer Mensch – ein Zuhörer, ein Leser – Anteil nimmt. Denn so wenig die Flüchtlinge am Leben der Einheimischen teilhaben, so wenig wissen die Deutschen vom Alltag hinter den Mauern der Flüchtlingsheime. Beides muss sich ändern, wir brauchen Brücken zwischen den Parralelwelten. Abbas Khider hilft, sie zu schlagen.

Abbas Khider: Ohrfeige.  224 Seiten, Carl Hanser Verlag  München 2015.  19,90 Euro.
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