Lauschangriff im Erthaltheater: »Ansichtskarten«

Lauschangriff im Erthaltheater am 27.2.2016 (Foto: mm)
Lauschangriff im Erthaltheater am 27.2.2016 (Foto: mm)

Die Aschaffenburger Liedermacherin Marie Schwind hat’s endlich wieder einmal getan: Sie hat einen Lauschangriff auf die Beine gestellt. Wer diese kleine Veranstaltungsreihe nicht kennt: Die 29-Jährige lädt dazu Singer/Songwriter aus nah und fern ins Aschaffenburger Erthaltheater ein, jeder Abend hat ein  vorher festgelegtes Thema, dann wird gemeinsam Musik gemacht; meistens ist der Laden voll und oft entstehen ganz besondere Momente.

Klar: Jeder Lauschangriff ist anders, mal wird’s magisch – und manchmal merkt man an diesen Abenden auch, dass nicht jeder Mensch mit Gitarre automatisch Künstler ist. Vor allem aber zeigt der Lauschangriff eindrucksvoll, dass das kulturelle Angebot einer Stadt immer nur so gut ist wie die Leute, die es in die Hand nehmen und etwas auf die Beine stellen. Dass das Erthaltheater am Samstag einmal mehr ausverkauft war ist Beleg dafür, dass es auch abseits der Metropolen dankbares Publikum gibt. Und gut die Hälfte der Zuhörer am Samstag war sogar zum ersten Mal da, wie Schwinds Spontan-Umfrage ans Licht brachte.

Am Samstag stand Marie Schwind auch mal wieder selbst auf der Bühne: Die gebürtige Leidersbacherin hat nach rund vierjähriger Arbeit ihre eigene CD („Erinnerung“) veröffentlicht und stellte sie vor. Viele dieser Songs kennen die Fans schon, auch wenn sie jetzt kunstvoll mit Streichern arrangiert sind: Schwind spielt Klavier und Gitarre, ihr Songwriting ist vor allem am Piano sehr ausgereift. Ihre Stimme strahlt vor allem in den tieferen Lagen wohlige Wärme aus, Akzente setzt sie aber immer wieder in den Höhen. Da Marie Schwind ausschließlich Deutsch singt, fällt auch die Qualität ihrer Texte auf. Sie schafft es, selbst banale Geschichten in poetische Worte zu kleiden, immer wieder blitzt der Schalk in ihren Liedern und sie driftet nicht ab ins Kitschige, wenn es um die großen Themen des Lebens geht.

Wahrheiten, die das Publikum nachfühlen kann

Auch das müssen Liedermacher nämlich beherrschen: Die private Seelenschau, die solche Songs nun mal häufig sind, in allgemein gültige Wahrheiten zu übersetzen, die das Publikum nachfühlen kann. Und die es so trotzdem noch nie gehört hat. Wie wichtig dabei die Texte sind, haben leider längst nicht alle begriffen, die als Barden durch die Lande und sogar durchs Radio tingeln.

Und die Geschichten zwischen den Songs: Sie gehören dazu beim Lauschangriff – sie stärken die Bindung zwischen Musiker und Zuhörer, sie machen Lied und Abend unverwechselbar, sie sorgen für die persönliche Note.

Neben Marie Schwind erzählt an diesem Abend vor allem Joseph Myers, der aus Osnabrück angereist ist. Als einziger singt er auf Englisch, seine Songs sind solide und gut anzuhören; seine Stimme ist rau und warm und das, was seine Musik am meisten prägt. Danny Richter aus München zupft die Gitarre fließend, perlend und gibt in seinen Songs den Träumer, der auszog, die Welt zu erkunden. Vierte im Bunde ist Janina Marie aus Aschaffenburg, die als Neuling auf der Songwriter-Bühne steht und überwiegend mit dem Klavier arbeitet: Sie hat ein Händchen für wunderschöne Melodien.

Keiner dieser drei schafft es allerdings, Marie Schwind an diesem Abend die Schau zu stehlen. Aber das wollen sie auch gar nicht: „Wir spielen nicht gegeneinander“, sagt Schwind zu Beginn des Konzerts. Im Gegenteil: Musik und Musiker ergänzen sich aufs Schönste an diesem Abend, der am Ende allerdings ein wenig zu lang geraten ist. Auch wenn man in diesem vierstündigen Konzert öfter mal die Zeit vergessen konnte.

Der nächste Lauschangriff geht am  29. April 2016 über die Bühne. Hier gibt’s Karten

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