Ein Rendezvous mit den „Malweibern von Paris“

Malweiber: Das Poster zeigt Annemarie Kirchner-Kruses Bild "Jorsik mit Apfel", gemalt 1918.
Malweiber: Das Poster zeigt Annemarie Kirchner-Kruses Bild „Jorsik mit Apfel“, gemalt 1918.

Eine gute Ausstellung ist wie eine Reise in eine andere Welt: Sie zeigt nicht nur Bilder, sondern erzählt die Geschichten, die dahinter stehen. In der Aschaffenburger Kunsthalle Jesuitenkirche ist mit „Die Malweiber von Paris“ noch bis Ende Mai 2016 eine ebensolche Schau zu sehen – sie macht deutlich, welche Hindernisse Frauen noch vor 100 Jahren überwinden mussten, wenn sie Malerinnen sein wollten.

„Deutsche Künstlerinnen im Aufbruch“ ist der Untertitel der Ausstellung, die zehn Künstlerinnen vorstellt, die um 1900 gelebt und gearbeitet haben. In Paris konnten sie nicht nur freier malen, sondern vor allem auch Kunstschulen besuchen; in Deutschland war das Frauen damals weitgehend verwehrt. Wenn Frauen hier Kunst studieren wollten, zahlten sie oft mehr als die Männer, brauchten die Erlaubnis eines männlichen Vormunds – und durften nur spezielle Klassen besuchen, in denen sie nicht das gleiche lernten. Eine Frau, die zum Beispiel das Aktzeichnen lernen wollte, musste nach Paris.

Den menschlichen Körper studieren

Warum es für Künstlerinnen wichtig war, Aktmalerei zu lernen und zu studieren, erklärt Anne Hundhausen, die durch die Ausstellung führt: Nur wer den menschlichen Körper darstellen kann, kann gut bezahlte Auftragsarbeiten übernehmen. Ohne solche Studien standen den Frauen nur Stilleben, Landschaftsmalerei und allenthalben das Portrait offen. Gut zu erkennen ist dieses Dilemma übrigens auch im Film The Danish Girl: Der Nebenplot erzählt die Geschichte der Malerin Gerda Wegener, die zu Beginn ihrer Karriere im Schatten ihres Mannes Einar Wegener stand.

Wie Gerda Wegener zog es die in Aschaffenburg vorgestellten Künstlerinnen deshalb immer wieder oder dauerhaft in die französische Hauptstadt, wo unter anderem Henri Matisse eine Académie gegründet hatte, die beiden Geschlechtern offen stand.

Genie galt als männlich

In der Kulturgeschichte der westlichen Welt war dem Mann im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert noch die öffentliche Welt und die Sphäre der Kultur zugeordnet –  die Frau stand für alles Natürliche, hatte ihren festen Platz im Heim. Auch das Genie war männlich konnotiert – Frauen  hatten in dieser Weltsicht allenfalls Talent.

Gegen diese Konzepte rebellierten Frauen wie Käthe Kollwitz, Paula Modersohn-Becker oder Maria Slavona. Aber auch die unbekannteren Künstlerinnen, deren Werke und Lebensumstände in der Kunsthalle Jesuitenkirche gezeigt werden: Ida Gerhardi,  Sabine Lepsius,  Martha Bernstein,  Mathilde Vollmoeller-Purrmann, Annemarie Kirchner-Kruse und Marg Moll.

Die Ausstellung zeigt keine weltbekannten, aber doch ausdrucksstarke Bilder, die viele Aspekte illustrieren; Fotos aus den Ateliers, Zeitdokumente und Karikaturen beleuchten außerdem, was hinter den Bildern steckt. An vielen Stellen auch wird deutlich, dass viele Bilder der Frauen eben nicht hochdotiert im Museum hangen: manche sind schlecht erhalten, waren lange verschollen. Auch das ein Zeichen mangelnder Wertschätzung?

Ein Leben außerhalb der Norm

Die Malweiber entschieden sich für ein Leben außerhalb dessen, was die Gesellschaft von ihnen erwartete: Sie gingen nach draußen, studierten die Pariser Welt auf der Straße und in Nachtlokalen. Sie hatten oft kein leichtes Leben in Paris, bisweilen wenig Geld, manchmal mussten auch Kinder versorgt werden mussten. Zwei Selbstporträts von Maria Slavona etwa (1865 bis 1931) zeigen eindrucksvoll den Tribut, den das Leben als Künstlerin forderte:  Um 1887 malt sich Slavona in frühlingshaft sanften Farben, mit tupfig-leichtem Strich, unbeschwert sieht sie da aus. 1910 führt sie den Pinsel grob und schnell, verbraucht sieht sie da aus –  gezeichnet.

Oder Käthe Kollwitz: von ihr zeigt die Ausstellung nur einige Skizzen, die ihre Arbeitsweise und ihren sozialkritischen Ansatz dokumentieren – und die nach dieser Schau wohl wieder im Archiv verschwinden werden. Teilweise radikal abstrakte Plastiken, etwa von Marg Moll, ergänzen das Portfolio.

Der weibliche Blick

Immer wieder in dieser Ausstellung begegenet dem Betrachter der prüfende Blick der Frauen auf das eigene Schaffen im Selbstporträt: Während die Gesellschaft nicht recht wusste, was von den Malweibern (klingt ein bisschen wie Mannweiber –  war vielleicht auch so gemeint) zu halten war –  so setzen sich Frauen wie Ida Gerhardi auch immer wieder selbst mit ihrer Rolle auseinander. Die Frauen malten sich auch selbst  als Akt: Diesen weiblichen Blick auf den weiblichen Körper hatte es vorher schlicht nicht gegeben.

Wenn wir diese Künstlerinnen also heute Malweiber nennen – dann ist das ein Kompliment. Denn diese Frauen waren so modern, so mutig und lebendig, dass sie bis heute Inspiration sind.

Die Malweiber von Paris
21.02.2016 bis 29.05.2016  

Es finden regelmäßig öffentliche Führungen in der Kunsthalle Jesuitenkirche statt, für die keine Anmeldung nötig ist. Treffpunkt: Eingang der Kunsthalle  Jesuitenkirche

Termine: Jeden Sonntag um 11 Uhr
Jeden Dienstag um 19 Uhr

Sondertermine an Feiertagen:
25.03., 28.03., 05.05., 16.05. und 26.05.16
jeweils um 11 Uhr

 

Katalog: Die Malweiber von Paris, Gebrüder Mann Verlag
Katalog: Die Malweiber von Paris, Gebrüder Mann Verlag.
  • Eine Führung durch die Ausstellung ist absolut zu empfehlen, obwohl auch zahlreiche Texttafeln Hintergrund liefern. Allerdings Achtung:  Die Dienstags-Führung beginnt um 19 Uhr; um 20 Uhr wird das Museum geschlossen. Eine Stunde reicht für diese Ausstellung aber absolut nicht! Schade, dass die Öffnungszeiten an dieser Stelle nicht angepasst werden. Kleiner Tipp für alle, die dienstags nach Feierabend in die Jesuitenkirche kommen: Am Einlass nachfragen, ob die Eintrittskarte an einem anderen Tag  noch einmal benutzt werden darf.
  • Übrigens: Zu der Ausstellung, die auch im Edwin-Scharff-Museum Neu-Ulm gezeigt wurde, ist im Gebrüder-Mann-Verlag ein sehr schöner und informativer Katalog erschienen.
  • Der SWR hat einen hörenswerten Radiobeitrag  über die Ausstellung ins Netz gestellt; beim Bayerischen Rundfunk gibt es einen kleinen Film.
Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s