Zwischen Swinging Sixties und Holocaust

Lily Brett: "Lola Bensky" (Suhrkamp Verlag)
Lily Brett: „Lola Bensky“ (Suhrkamp Verlag)

Man kann Lily Bretts Roman „Lola Bensky“ auf viele Arten lesen, eine davon: Als Augenzeugenbericht einer jungen Musikjournalistin, die in den 60er-Jahren so ziemlich jeden berühmten Musiker in London und New York vorm Aufnahmegerät sitzen hatte. Lola Bensky führt Interviews mit Mick Jagger, verleiht ihre künstlichen Wimpern an Cher, redet mit Jimi Hendrix über Dauerwellen und mit Janis Joplin über schlechte Haut.

Zugleich ist diese Lola Bensky aber auch die Tochter von zwei Auschwitz-Überlebenden – und es gibt in diesem Roman kaum ein Gespräch, in dem dieses Thema nicht zur Sprache kommt. Denn Lola, geschlagen mit einem miserablen Selbstbewusstsein und Übergewicht, lässt sich von den Mick Jaggers dieser Welt nicht beeindrucken. Sie plaudert und erzählt von sich, bewegt sich auffallend unaufgeregt und ein wenig naiv zwischen all den Ikonen, Sternchen und Stars, die sie für ein australisches Musikmagazin interviewen soll.

Das ist die nächste Lesart dieses Buches: Die Geschichte einer jungen Frau, die vor den Traumata ihrer Eltern um den halben Globus flieht und ihnen doch nicht entkommt. Über weite Strecken schildert Lily Brett schonungslos präzise, wie es ist, im Schatten der Toten aufzuwachsen; die Sprachlosigkeit der Eltern, die Grausamkeiten der Nazis, von denen die Tochter doch ein Leben lang gehört hat. Was Lola als junge Journalistin eher nebenbei erzählt, wird später zu ihrem eigenen Dämon – die Psychologie kennt dafür den Begriff vom ererbten Trauma. Um das zu zeigen, wechselt der Roman zwischen den Zeitebenen, schildert im Mittelteil auch das Leben der Mutter und Ehefrau Lola: Sie hat ihr Übergewicht verloren, leidet an Phobien und bewältigt ihre Ängste durch das Schreiben – inzwischen  sind es Romane.

Die Sprachlosigkeit der Eltern, die Grausamkeiten der Nazis

Vieles von dem, was Lola Bensky erlebt, hat ihre Schöpferin Lily Brett selbst mitgemacht. Sie ist Tochter von Holocaust-Überlebenden, war in den 60ern australische Musikjournalistin, wohnt heute als Autorin in New York. Trotz dieser Ähnlichkeit ist Lily Brett natürlich nicht Lola Bensky; wir haben es mit einem Roman zu tun, nicht mit einer Autobiografie.

Ob der Kunstgriff, eine fiktive Figur zwischenzuschalten, nötig war? Ja – und er ist gelungen. Brett hätte die intimen Einblicke hinter die Kulissen des Showgeschäfts der 60er-Jahre nicht erfinden können – zugleich braucht die Geschichte erzählerische Distanz, um zu funktionieren.

Die Klammer, die Lily Brett um die beiden Plots –  Showbiz und Holocaust – legt, ist der Tod. In Lolas Familie sind es die Toten, die Ermordeten, die das Leben bestimmen. In ihrem Job begegnet Lola dem Leben in Fülle, dem überschäumenden Rausch der Swinging Sixties. Das Monterey Pop Festival von 1967 wird im Roman zum Sinnbild dieser Fülle; ein strahlender Gegenentwurf zum Vernichtungslager der Nationalsozialisten. Und doch sind wenige Jahre nach diesem Festival viele der Künstler, die Lola interviewt hat, tot. Überrascht ist sie nicht: Sie hat früh gelernt, wie leicht es ist, das Leben zu verlieren.

Before Lola Bensky from Digital Global Mail Limited on Vimeo.

So entgegengesetzt die beiden Pole dieser Geschichte wirken mögen: Lily Brett hat daraus einen sehr lesenswerten, hervorragend informierten Roman gemacht. Sie beobachtet genau und schreibt mit dem Abstand und der Menschenkenntnis, die die Jahre gebracht haben. Und so schenkt sie ihren Lesern nicht zuletzt einige sehr private, überraschende und anrührende Begegnungen mit Musikern, die längst schon Legenden sind.

 

Lily Brett: Lola Bensky
Übersetzt von Brigitte Heinrich. 302 Seiten, Suhrkamp Verlag Berlin 2013. 9,99 Euro

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