Am Rande der Geschichte: The Girls von Emma Cline

The Girls, erschienen im Hanser Verlag.
The Girls, erschienen im Hanser Verlag.

„Da passiert ja gar nichts“:  Dieser Satz ist schnell gesagt über Emma Clines Roman The Girlserschienen im Hanser Verlag. Tatsache, wer hier blutige Details über die Manson-Morde erfahren will, wird enttäuscht. Doch wer sich auf die Psychologie hinter dem Mythos einlässt, liest einen faszinierenden, atmosphärisch dichten, einen fesselnden Roman.

Die Morde sind die unterliegende Katastrophe, auf die die Handlung unweigerlich zusteuert. Doch Emma Cline nähert sich der großen Geschichte über Umwege an. Sie erzählt vom Teenager-Mädchen Evie Boyd; gelangweilt unter der Sonne des kalifornischen Sommers im Jahr 1969, verfängt sich die 14-Jährige im Umfeld einer Gruppe von Hippies, die auf einer Ranch und nach eigenen Regeln lebt. Drogen, Sex, der Hunger nach Bedeutung dominieren das Setting – und vor allem Russell, Keimzelle dieser Gemeinschaft, Guru, Zuhälter, Wahnsinniger.

„Der Mann hob die Hände und dröhnte einen Gruß: Die Gruppe wogte und zuckte wie der Chor einer griechischen Tragödie. In solchen Augenblicken konnte ich glauben, dass Russell schon berühmt war. Er schien durch eine dichtere Atmosphäre als wir anderen zu gleiten.“

Unschwer ist in dieser Gruppe die Sekte um Charles Manson zu erkennen, die Ende der Sechziger Jahre Amerika und die Welt schockierte, aber auch faszinierte: Schöne, junge Frauen und Jungs, die offenbar auf Anweisung eines einzelnen Mannes – Charles Manson – Morde begangen haben; die unter anderem die hochschwangere Frau des Filmemachers Roman Polanski brutal umbrachten. In Emma Clines Roman tauchen die historischen Figuren nie auf; einige fiktive Charaktere sind den realen Personen aber stark nachempfunden. Russell ist Manson; seine treueste Anhängerin Susan Atkins heißt im Buch Suzanne. Sie ist Objekt der verklärend-verwirrten Begierde Evies. Emma Cline widmet sich hingebungsvoll der erwachenden Sexualität ihrer Protagonistin, zeichnet sie aber letztlich als Mädchen, das missbraucht wird.

Cline versucht nicht, die Morde der Manson-Family nachzuerzählen; sie lässt den Leser nicht lauschen, wenn der Wahnsinnige seine Pläne schmiedet. Vielmehr bleibt der Roman durchgängig bei seiner Protagonistin Evie, und die ist nunmal eine Randfigur im Reigen um Russell. Ihr Blick auf die Welt der Ranch ist kein verlässlicher: Evie Boyd ist eine verletzliche, verunsicherte Protagonistin, vom Vater verlassen, von der egozentrischen Mutter ignoriert und einer chauvinistischen Gesellschaft ausgeliefert.

Ja, Emma Cline hat ein ganz und gar feministisches Interesse an dieser Geschichte: Sie zeichnet Frauen und Mädchen, die sich über männliche Aufmerksamkeit definieren, sich sexuell und anderweitig ausnutzen lassen, willenlos erscheinen. Clines Frauenfiguren werden aus dieser Abhängigkeit heraus zu Täterinnen. Sie sind aber auch Produkt ihrer Zeit: Die Autorin verwendet viel Raum darauf, die Sozialisation von Mädchen im Amerika der späten Sechziger zu schildern und anschaulich zu machen. Das schafft Atmosphäre – und lässt die drückende Vorstadt-Enge spürbar werden, aus der Evie ausbrechen will, wenn sie sich für die Ranch entscheidet.

„Ich wartete darauf, dass jemand mir sagte, was gut an mir war. Später fragte ich mich, ob das der Grund dafür war, dass es auf der Ranch viel mehr Frauen  als Männer gab. All die Zeit, die ich darauf verwendet hatte, mich vorzubereiten, die Artikel, die mich gelehrt hatten, dass das Leben eigentlich nur ein Wartezimmer war, bis einen jemand bemerkte –  diese Zeit hatten die Jungs damit verbracht, sie selbst zu werden.“

Der klare und entlarvende Blick darauf, was es heißt, Mädchen und Frau zu sein, zeichnet diesen Roman aus. Und wer weiß, ob sich seit den späten Sechzigern wirklich so viel daran geändert hat? Emma Cline jedenfalls bettet ihre Geschichte in eine Rahmenhandlung, die Jahrzehnte später spielt – und auch hier gibt es mit dem Teenager Sasha eine ähnlich angelegte Frauenfigur, die sich von Männern mies behandeln lässt. Von Emanzipation keine Spur.

Evie Boyd ist in dieser Rahmenhandlung freilich eine gescheiterte Existenz, die sich an ihre Zeit auf der Ranch erinnert. Die damals nur am Rande stand, aber auch später nie in der Mitte des Lebens angekommen ist. In dieser Lesart wird das sonst so stille Buch zum Aufschrei: „The Girls“  ist ein wütender Weckruf – für jene Art von Frauen, die man am liebsten an den Schultern packen und kräftig schütteln möchte.

Emma Cline: The Girls, 352 Seiten, Carl Hanser Verlag München 2016,  22 Euro

(Alle Zitate aus: The Girls)

 

Weitere Stimmen zum Buch: 

Die Klappentexterin 

Buchlese

Franziska Wolffheim in der Süddeutsche Zeitung

Die Buchbloggerin

Rainer Moritz auf Deutschlandradio Kultur

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