Bücher über Bücher

Weil man auf der Welt nicht alles lesen kann,  gibt es sie: Bücher über Bücher. Gemeint sind  nicht Romane über Bücher, Buchhandlungen, Schriftsteller. Sondern Bücher,  die  auf mehr oder weniger unterhaltsame Art andere Bücher vorstellen, die Geschichte geschrieben haben. Nachschlagewerke, die den Kanon vorstellen, erklären, und vielleicht sogar das, was wir unter „Kanon“ verstehen, herausfordern und erweitern. Zwei dieser Werke vergleiche ich an dieser Stelle, weil  sie auf den ersten Blick das gleiche wollen –  aber bei weitem nicht das selbe leisten.

„Literatur! Eine Reise durch die Welt der Bücher“

von Katharina Mahrenholtz und Dawn Parisi, erschienen 2012 bei Hoffmann und Campe

 

Auf den ersten Blick haben Parisi und Mahrenholtz ein sehr ansprechendes Buch geschrieben –  und gezeichnet. Die grafischen Elemente und Bilder machen einen wesentlichen Teil des Reizes aus. Dawn Parisi stellt darin auch komplexere Zusammenhänge bildlich dar und sorgt für den schnellen Überblick.  Welche Bücher haben sich weltweit am besten verkauft?  Wie hoch sind die wichtigsten Literaturpreise dotiert und an wen werden sie vergeben? Und woran sterben eigentlich Schriftsteller?

Die Auswahl der vorgestellten Werke ist zeitlich gegliedert und legt einen kleinen Schwerpunkt auf deutsche, einen größeren auf europäische Literatur. Los geht es mit Dantes „Göttlicher Komödie“,  danach kommt gleich Shakespeare; den  Abschluss machen Jonathan Franzens „Korrekturen“. Dazwischen findet sich nicht nur das, was Literaturwissenschaftler studieren würden, sondern auch der ein oder andere Gassenhauer und immer wieder Bücher für junge Leser: Harry Potter zum Beispiel, John Irving, Casino Royal oder Enid Blyton. In der Regel bekommt jedes Buch eine Seite für sich, außerdem gibt’s die Rubrik „Literatur im Schnelldurchlauf“, die nochmal etliche Titel anreißt.

Allerdings:  Was zu den Büchern dann letztlich geschrieben steht, das bleibt recht an der Oberfläche.  Jeder Artikel gliedert sich in eine Inhaltsangabe, dazu kommen wahlweise Infos zum Autor, eine  „Smalltalk-Info“, ein Verweis auf ähnliche Werke oder eine kurze Handreichung „für Einsteiger“, oft mit verwandten Lektüre-Tipps. Das ist so, als ob ein guter Freund über Bücher spricht und Tipps gibt (auch vom Tonfall her!):  Es unterhält vorzüglich, erweitert den Horizont und inspiriert.

Wer aber wirklich verstehen will, warum ein Werk bahnbrechend war oder ist, welche Ideen Literatur transportieren kann und welcher Zusammenhang zwischen Literatur und Gesellschaft besteht –  wer also auch ein literaturwissenschaftliches oder soziologisches Interesse an Literatur hat, der  ist mit dem „Literature Book“ besser bedient.

„The Literature Book“

von James Canton et al., erschienen  2016 bei DK

 

Dieses Buch gibt es bisher nur auf Englisch, es ist aber Teil einer Reihe, die DK bereits  teilweise auch auf Deutsch veröffentlicht hat.

Hier hatten die Herausgeber tatsächlich die ganze Welt im Blick, als sie ihre Auswahl der vorgestellten Bücher getroffen haben. Vom Sanskrit-Epos Mahabharata über Pushkins Eugen Onegin bis zu Chinua Achebe, Mo Yan und Peter Carey spannen sie ihren Bogen; dazwischen gibts natürlich die ganz großen Klassiker, sechs Seiten allein für Jamey Joyce‘ Ulysses, vier für den Zauberberg von Thomas Mann.

Auch das Literature Book fasst die Handlung der Bücher zusammen, stellt sie aber viel stärker in den Kontext ihrer Entstehungszeit und in literaturwissenschaftliche Zusammenhänge.  Jeder dieser kleinen Essays setzt einen unterschiedlichen Schwerpunkt. Am Beispiel von Grass’ Blechtrommel wird zum Beispiel erläutert, was ein „Unreliable Narrator“ ist –  also ein „unzuverlässiger“ Erzähler, dem der Leser nicht jedes Wort glauben sollte.  Eine endgültige Deutung wird nicht angeboten –  aber ein neuer Gesichtspunkt, unter dem der Leser seine eigene Lektüreerfahrung bewerten kann. J.M.Coetzees Roman „Schande“ wird dagegen in den historischen Zusammenhang gestellt: Der Leser erfährt, wie Schriftsteller in Südafrika auf die Apartheid  reagiert haben  –  und worüber sie heute, nach Abschaffung der Rassentrennung, schreiben.

Die angelsächsische Tradition der Literaturwissenschaft neigt zu Popularisierung und Kategorisierung, wofür sie an hiesigen Unis oft genug kritisiert wird: Wissen über Literatur so aufzubereiten, dass es auch Nicht-Wissenschaftler interessiert und begeistert, ist im deutschen Sprachraum eher verpönt. Noch ein Unterschied: Während deutsche Gelehrte gerne mal noch das kleinste Detail unter die Lupe nehmen, suchen die Briten und Amerikaner nach übergeordneten Zusammenhängen – und nach Kategorien, nach denen sich literarisches Wissen fein säuberlich ordnen lässt.  Daran  kann man sich stören, denn muss man Wissen über Literatur wirklich auf Karteikarten schreiben und auswendig lernen können?

Dem Literature Book merkt man die angelsächsische Herangehensweise an, im Guten wie im Schlechten. Manchmal hat man beim Blättern das Gefühl, im Textbuch eines Collegekurses  „Grundlagen der Weltliteratur“ gelandet zu sein. Vor allem aber zeigt dieses Buch, wo die Kraft der Bücher liegt, warum sie Sprengstoff sein können. Und warum Lichtenberg sagen konnte:

Mehr als das Gold hat das Blei die Welt verändert. Und mehr als das Blei in der Flinte das im Setzkasten.

Ein Wort zum Schluss: Bücher dieser Art können und müssen niemals vollständig sein. Jeder  Kanon wird immer nur eine Empfehlung sein – eine, die uns Wegweiser sein darf, an der wir uns aber auch reiben müssen.

Noch mehr Bücher über Bücher, der Kanon und der ganze Rest –  auf anderen Blogs:

 

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5 Gedanken zu “Bücher über Bücher

  1. Herzlichen Dank für diese Entdeckung! – Wunderbarerweise passt nicht nur der Blogartikel, sondern auch einer der Links („Brauchen wir noch einen Kanon?“) ganz genau zum aktuellen Deutschunterricht… LG 🙂

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  2. Hallo, sehr interessanter Artikel. Die Zusammenfassung dessen, was man (angeblich) lesen oder wissen muss, ist natürlich dem Schwerpunkt des Verfassers geschuldet. Ich erinnere mich, vor etlichen Jahren „Bildung – Alles, was man wissen muss“ von D. Schwanitz gelesen zu haben. Das Thema ist ein anderes, das Grundprinzip jedoch das gleiche. Damals war ich nicht der Meinung, dass alles, was Schwanitz präsentierte, auch wirklich wissenswert ist. Wie siehst du das für die beiden vorgestellten Bücher? Bist du mit der Literaturauswahl der Autoren einverstanden?
    LG, Ina

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    1. Hm, die Auswahl…gute Frage! Die ganz „wichtigen“ Werke sind hier wie dort zu finden. Aber ich würde doch sagen, die Auswahl ist im „Literature Book“ auf jeden Fall allgemeingültiger, mehr angelehnt an den Kanon – man bekommt den verlässlicheren Überblick. In „Literatur“ sind viele Kinder- und Jugendbücher drin und es gibt auch ein Schwerpunkt auf deutscher Literatur – der Geschmack der Autorin spiegelt sich da recht deutlich, denke ich.
      Aber dort, wo sich die Auswahl unterscheidet, wird es ja gerade interessant – da besteht die Chance, dass man etwas neues kennenlernt & erfährt. Ich sehe das ohnehin recht entspannt: Egal, welche Auswahl der Autor trifft, ich erwarte keine Vollständigkeit – und ich gehe nicht davon aus, dass wir zu 100% der gleichen Meinung sind. Eine solche Auswahl oder Liste oder auch ein Kanon kann in meinen Augen immer nur Vorschlag oder Anregung sein. Denn ein Buch wird ja auch immer „durch die Brille“ einer Epoche (und eines Einzelnen natürlich) beurteilt. Zum Beispiel Jonathan Franzen, der übrigens in beiden Büchern drin ist: Ist er wirklich der „great american novelist“ seiner Zeit? Oder ist das nur die Meinung von ein paar dutzend Literaturkritikern, die gegenseitig voneinander abgeschrieben haben? 😉 Ist er in ein paar Jahrzehnten vergessen? Oder taucht er dann immer noch in solchen Büchern auf? Eigentlich ist das zweitrangig: Am Ende muss sich jeder sein eigenes Urteil bilden 🙂

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  3. Als echte Bücherratte sind Bücher über Bücher unverzichtbar. Und wenn der Stoff so aufbereitet wird wie bei Mahrenholtz oder Canton macht’s auch noch Spaß! Von Mahrenholtz kenne ich „Shakespeare! Seine Werke, seine Welt“. Auch wenn dieses Buch populär-literaturwissenschaftlich aufbereitet ist und es ebenso „an der Oberfläche bleibt“, so bringt es doch Shakespeares Werke der modernen Welt und seinen jungen Leser näher.

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