Good Girls Revolt

oder: Die Sechziger sind noch nicht vorbei

Als ich auf Amazon Prime kürzlich die Serie Good Girls Revolt entdeckt habe, war ich begeistert. Es geht darin um eine Gruppe von Frauen, die in einer Zeitschriften-Redaktion im New York der späten 60er-Jahre um Gleichberechtigung kämpft. Es ist keine fiktive Geschichte: In der amerikanischen Zeitschrift Newsweek durften Frauen bis 1970 den Männern tatsächlich nur zuarbeiten – ihre Namen standen nie unter den Geschichten, die sie recherchiert hatten.

Zugegeben, als Redakteurin, die sich selbst oft genug darüber ärgert, dass in meiner Branche heute noch an fast allen Hebeln Männer sitzen, bin ich wohl auch die Essenz der Zielgruppe von Good Girls Revolt. Und doch: spätestens als ich den Serientitel auf Twitter eingegeben habe und die Diskussionen darunter verfolgte, dämmerte mir, dass es höchste Zeit für diesen Stoff ist. Nicht nur für mich.

Amazon hat nämlich angekündigt, der ersten Serienstaffel keine weiteren Teile mehr folgen zu lassen. Unter #savegoodgirlsrevolt haben sich nun jene versammelt, die wissen wollen, wie die Geschichte weitergeht, nachdem sich die Protagonistinnen das Recht erklagt haben, die gleichen Jobs – und damit hoffentlich auch die gleichen Gehälter – wie ihre männlichen Kollegen zu übernehmen. Manche Fans haben gar die Petition unterzeichnet, die das Fortbestehen der Serie sichern soll.

Vor allem aber wird im Netz geschimpft über das vorläufige Ende von Good Girls Revolt. Denn es kommt zu einer Zeit, in der in Amerika ein Donald Trump belohnt wird für offen zur Schau getragene Frauenfeindlichkeit. Wenn Amazon, so die Botschaft, jetzt kein Zeichen für die Gleichberechtigung setzt, stellt sich das Unternehmen implizit hinter die krude Weltsicht Trumps.

 

Wie (nicht nur) die Süddeutsche Zeitung aufgezeigt hat, müssen wir aber gar nicht bis Amerika schauen, wenn wir Beispiele für ungleiche Behandlung von Frauen und Männern in der Medienwelt suchen. SZ-Autorin Evelyn Roll führt den Fall der Fernsehjournalistin Birte Meier an, die gegen das ZDF klagt, weil sie für die gleiche Arbeit weniger Geld bekommt als männliche Kollegen.

95 Prozent der Chefs sind Männer

Schon im vergangenen Sommer fiel ein anderes eklatantes Ungleichgewicht auf, als die  Vereinigung „Pro Quote“ Zahlen zum Frauenanteil in den Chefredaktionen deutscher Regionalzeitungen vorstellte. Das Ergebnis: 95 aller Chefs sind Männer. Nur fünf von 100 Regionalzeitungen haben eine Frau an der Spitze. Über diesen beschämend niedrigen Chefinnen-Anteil war in den gleichen Regionalzeitungen allerdings kaum etwas zu lesen. Verständlich: Welcher (männliche) Chef hebt schon gerne ein Thema ins Blatt, mit dem er möglicherweise an dem Ast sägt, auf dem er sitzt?

Auch hinter diesen 95 Prozent stehen im übrigen Chefgehälter, die nicht an Frauen gezahlt werden. Aber auch vertane Chancen – denn Gleichberechtigung, in diesem Fall:  gleichberechtigter Zugang zu Entscheider-Positionen in den Medien, ist kein Selbstzweck. Eine ausgewogene Führungsriege – flankiert von einem möglichst breiten Themen- und Meinungsspektrum, wie es nur gemischte Teams abbilden können – wäre ein Schritt in Richtung zeitgemäßem Journalismus, ein Aushängeschild für eine Branche, die sich derzeit mangelnde Glaubwürdigkeit (auch: Ausgewogenheit!) vorwerfen lassen muss.

Doch Diversität in Redaktionen ist in der westlichen Welt nach wie vor selten zu finden. Wo nicht mal ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis herrscht, tauchen Minderheiten erst recht nicht auf, Vielfalt wird vielerorts nicht einmal angestrebt. Der mediale Blick auf die Gesellschaft bleibt folglich allzuoft einseitig – oder richtet sich schon gar nicht mehr in all die Ecken, in denen es etwas zu sehen gäbe.

Mehr noch: Wer sich mit diesen Fragen gründlicher auseinandersetzt, muss den Eindruck gewinnen, dass „die Medien“ zwar ganz genau wissen, wie die Welt aussehen müsste. In ihrer eigenen Welt aber hat sich seit Jahrzehnten kaum etwas bewegt. Ein hohes Ross, von dem es endlich  abzusteigen gilt.

Womit wir wieder bei Good Girls Revolt wären. Überflüssig zu erwähnen, dass offenbar eine rein männliche Riege (federführend Roy Price and Joe Lewis) die Entscheidung getroffen hat, die Serie abzusetzen. Am treffendsten hat sich Marianne Cooper in der amerikanischen Zeitschrift The Atlantic über diese Konstellation aufgeregt. „Ein Raum voller Männer“ sei schlicht nicht in der Lage, dem Zeitgeist der ganzen Nation gerecht zu werden. Und sie erinnert die Programmmacher daran, dass sie  –  wie alle, die Geschäfte machen wollen – gut daran täten, auch die weibliche Hälfte des Publikums zu bedienen.

So lange das nicht passiert, ist Good Girls Revolt nicht vorbei.

 

Weiterführende Infos

 

 

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