Vorlesen? Das machen die anderen.

Pierre Jarawan bei seiner Lesung in der Dieburger Bücherinsel im Mai 2016. Foto: M.Münch
Pierre Jarawan bei seiner Lesung in der Dieburger Bücherinsel im Mai 2016.  Foto: Münch

Warum gibt’s in Aschaffenburg eigentlich so wenige Lesungen von überregional etablierten (Roman-)Schriftstellern? Die Stadtbibliothek, das Kulturamt, die Buchhandlungen, die örtliche Kabarettbühne, die Volkshochschule – niemand stellt ein ansprechendes literarisches Programm auf die Beine. Rühmliche Ausnahmen gibt es, aber auffallend selten. In Aschaffenburg gebe es halt einfach kein Publikum für Texte, die nicht gerade ins Genre des Lokalkrimis fallen – diese Antwort bekam ich schon vor Jahren im Gespräch mit örtlichen Programmmachern.

Glauben kann ich sie immer noch nicht.

Denn warum schafft es zum Beispiel die Würzburger Stadtbücherei, gute Leute zu holen, während sich die Aschaffenburger Bibliothek auf die Leseförderung von Kindern und Jugendlichen beschränkt? Und warum gibt es in einer kleinen Stadt wie Dieburg ausreichend Publikum für jene Lesungen, die dort von der ersten Buchhandlung am Platz auf die Beine gestellt werden?

Das sind nur zwei Beispiele – aber sie reichen in diesem Fall aus. Denn niemand wird sie mit der Behauptung widerlegen wollen, dass Aschaffenburg eine literarische Hochburg sei. Es gibt hier ein hervorragendes Kino, ein Kabarettprogramm, das vergleichbare Städte bleich werden lässt und einen Live-Club, der musikalische Top-Acts anlockt. Aber was Literatur angeht, ist Aschaffenburg über das Vorwort kaum je hinausgekommen.

Klar, gute Autoren kosten gutes Geld. Und wer das Aschaffenburger Publikum mit Lesungen gewinnen will, wird es erst erziehen müssen. Denn es gibt hier keine gewachsenen Strukturen oder etablierte Veranstaltungsreihen. „Eine Stadt liest ein Buch“ wie in Frankfurt oder Würzburg, „Stadtlesen“ wie in Darmstadt – solche Aktionen sind in Aschaffenburg nicht mal diskutiert worden (korrigiert mich, wenn ich etwas verpasst haben sollte).

So wie es aussieht, müssen vorerst also alle Aschaffenburger, die gerne mal eine Lesung besuchen, ausweichen.

Zum Beispiel nach Darmstadt, wo die Centralstation in den kommenden Wochen und Monaten zum Beispiel Bov Bjerg (7. März),  Olga Grjasnowa (20. März), Philipp Winkler (21. Juni)  oder Nora Gomringer (24. Juni) holt.

Ebenfalls in Darmstadt hat die Evangelische Stadtkirche ihre „Lyrischen Matinéen“ etabliert, die derzeit laufen. Am Sonntag, 26. Februar, kommt zum Beispiel Zsuzsa Bánk, am 8. März Martin Walser, am 10. März Fatma Aydemir („Ellbogen“) und am 24. März Shida Bazyar, die für ihren Debütroman „Nachts ist es leise in Teheran“ eine großartige Resonanz bekommen hat. Bemerkenswert auch: Die Predigtreihe, zu der unter anderem Sibylle Lewitscharoff, Ilija Trojanow und Heinrich Steinfest eingeladen sind.

Außerdem gibt’s in Darmstadt ein Literaturhaus, das unter anderem im März Thomas Brussig (8. März) und im April Bodo Kirchhoff (25. April) und Feridun Zeimoglu (4. April) holt.

Das Literaturhaus Frankfurt hat freilich die internationaleren Namen. Paul Auster am 15. März ist allerdings schon ausverkauft, für Hanya Yanagihara eine Woche danach sieht es derzeit noch besser aus mit Tickets.  (Da kann man schon fast darüber hinwegsehen, dass Jonathan Safran Foer und T.C. Boyle auf ihren aktuellen Lesereisen einen weiten Bogen um das Rhein-Main-Gebiet gemacht haben. Aber eben nur fast.)

Wer in Frankfurt auf Lesungs-Suche ist, sollte übrigens auch die Roman-Fabrik im Blick haben. Und natürlich: Das Hessische Literaturforum im Mousonturm. Dort  lesen zum Beispiel am 6. März Volker Kutscher aus „Lunapark“ und am 11. April Nora Bossong aus „Rotlicht“.

Und wer lieber in die andere Richtung fährt, landet in Würzburg. Dort bietet, wie eingangs, erwähnt unter anderem die Stadtbibliothek Lesungen an; Am 5. April kommt Tilman Rammstedt, am 3. Mai     Zsuzsa Bánk. Zum Beispiel.

In diesem Sinne viel Vergnügen! Aber eben: woanders.

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