Frauenrechte sind Menschenrechte: Bücher zum Weltfrauentag

„Die Hälfte des Himmels“ und „Wenn Männer mir die Welt erklären“. Foto: mm

Brauchen wir Feminismus heute noch?  Ja, sagen diese beiden Bücher laut und deutlich:  Rebecca Solnits Essay-Band „Wenn Männer mir die Welt erklären“ (im Original: „Men explain things to me“) und „Die Hälfte des Himmels“ („Half the Sky“) von Nicholas D.Kristof und Sheryl WuDunn, das Frauenleben und -leiden rund um den Globus vorstellt und beim Namen nennt.

Beide Bücher haben in ihrem Heimatland Amerika von sich reden gemacht, vor allem  „Die Hälfte des Himmels“ hat weltweit große Aufmerksamkeit bekommen (Coldplay-Sänger Chris Martin hat sogar ausgeplaudert, dass „Die Hälfte des Himmels“ Inspiration für das letzte Coldplay-Album geliefert hat). In Deutschland allerdings haben die beiden Titel längst nicht so eingeschlagen, wie es dem Thema gerecht wäre.

Wenn Männer mir die Welt erklären

Die Journalistin und Autorin Rebecca Solnit hat ihren Platz unter den bekanntesten amerikanischen Denkerinnen; Ausgangspunkt ihres Buches ist ein Moment, den viele Frauen kennen und den sie selbst erlebt hat: Ein Mann versucht, einer Frau die Welt zu erklären – auch dann noch, wenn die Frau durchaus Ahnung vom Thema hat, vielleicht sogar mehr Ahnung als der Mann (Im Fall, den Rebecca Solnit schildert, empfiehlt ihr ein Herr, ein Fachbuch zu einem Thema zu lesen, da sie aus diesem Buch viel lernen könne – dass Solnit dieses Buch selbst geschrieben hat, lässt ihn in seiner Argumentation völlig unbeeindruckt). Über dieses Gefühl hat Solnit im April 2008 einen Essay geschrieben, der um die Welt ging und der dem vorliegenden Band vorangestellt ist. Dass Frauen heute noch mundtot gemacht werden: Das ist ihr Ausgangsproblem, darauf aufbauend zeigt Solnit auf, dass der Feminismus längst nicht ausgedient hat; dass der Kampf, den nicht nur Frauen, sondern alle Menschen für die Menschenrechte der Frau ausfechten müssen, noch nicht zu Ende ist.

Solnit stellt steile Thesen auf: Dass die gleichberechtigte Ehe zwischen Mann und Frau die Grundlage geschaffen hat für die gleichgeschlechtliche Ehe, zum Beispiel; sie fragt, warum Frauenzeitschriften Tipps für Studentinnen drucken, wie sie sich vor Vergewaltigung schützen können – während der Hinweise an die Männer, dass der Akt des Vergewaltigens inakzeptabel ist, ausbleibt. Solnit sucht Anschluss an andere Feministinnen des 20. und 21. Jahrhunderts, bezieht sich auf Susan Sonntag und Virginia Woolf, schlägt aber auch die Brücke ins Heute, wo Frauen im Internet getrollt werden, wenn sie es wagen, aus der ihnen zugedachten Rolle auszubrechen. Solnit ist politisch, zeitkritisch, philosophisch und, in einem erhellenden Text namens „Woolfs Dunkelheit“ auch ausnehmend literarisch: Darin erläutert sie, wie Virginia Woolfs Verständnis von Identität und persönlicher Freiheit den feministischen Diskurs heute noch bereichert.

Am Ende steht für Rebecca Solnit übrigens die Hoffnung – gerade in Zeiten, in denen ein erstarkender Konservatismus die Errungenschaften des Feminismus bedroht: „Befreiung ist ansteckend“ ist ihr Fazit.

Die Hälfte des Himmels

„Die Hälfte des Himmels“ ist ein unglaublich starkes, mitreißendes Sachbuch, fast schon ein Standardwerk unserer Zeit, für das die beiden Journalisten Nicholas D. Kristof und Sherryl WuDunn um die ganze Welt gereist sind. Sie beleuchten strukturellen Frauenhass und haben Frauen besucht, die Opfer von Misogynie geworden sind – sexuelle Sklaverei, Zwangsprostitution, Säureangriffe, Gewalt, „Ehrenmorde“: Dieses Buch ist an vielen Stellen schockierend und natürlich hoch politisch; es vermittelt sehr drastisch, dass es an vielen Orten der Welt ein Todesurteil sein kann, als Frau zur Welt zu kommen.

Die Autoren zeigen aber auch Zusammenhänge und Wechselwirkungen auf, die wissenschaftlich gut belegt sind: Ausbeutung und Unterdrückung von Frauen hängt mit ökonomischen Interessen zusammen; Terrorismus, Wohlstand, Frieden, Infrastruktur –  all das wird mitbedingt durch die Stellung der Frau in der Gesellschaft. Doch das Buch zeigt auch Wege aus der Misere auf und stellt Frauen vor, die ihre Welt verändert haben. Und vor allem: Es will seine Leser zu Mitstreitern machen, für das Thema interessieren  und  zum Handeln bringen (was jeder Einzelne tun kann, ist Thema im letzten Kapitel des Buches).

Im Vorwort beschreiben die Autoren, aus welcher Motivation heraus sie ihre Recherche begonnen haben: Für die New York Times wollten sie über außenpolitische Themen schreiben, über Kriege, Atomwaffen–  sie wollten aufzeigen, wo etwas schief läuft in der Welt. Sie berichteten 1989 vom Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking, wo 400 bis 800 Demonstranten ermordet wurden. „Es war die Menschenrechtsgeschichte des Jahres und schien so ziemlich der schockierendste Verstoß zu sein, den man sich vorstellen konnte“, schreiben Kristof und WuDunn.

Ein Jahr später hörten die beiden Journalisten von einem anderen, weitaus größeren Verstoß gegen Menschenrechte:  In China starben damals 39.000 neugeborene Mädchen, „weil die  Eltern ihnen nicht die gleiche Fürsorge und medizinische Betreuung zukommen lassen wie den Jungen – und das bezog sich nur auf das erste Lebensjahr“. Weitab von den großen Storys der Nachrichten hatten die beiden Journalisten die Geschichte gefunden, die sie der Welt erzählen mussten: „Wir wollen versuchen, eine Agenda für die Frauen der Welt vorzulegen“.

Eine Agenda, die  nun nur noch eines braucht: So viele Leser wie nur irgend möglich.

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Ein Gedanke zu “Frauenrechte sind Menschenrechte: Bücher zum Weltfrauentag

  1. Oh ja, wir brauchen den Feminismus heute noch – vor allem, da gesellschaftlich wieder alles mehr und mehr rück(rechts)wärts driftet, und davon ist auch das Terrain, das sich Frauen in den letzten Jahren in den westeuropäischen Ländern erobert haben, betroffen. Die „Hälfte des Himmels“ habe ich, zu meiner Schande, noch nicht gelesen, das wird flugs nachgeholt.

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