Diese Wut im Bauch

"Ellbogen" von Fatma Aydemir
„Ellbogen“ von Fatma Aydemir

Kommenden Dienstag stellt die taz-Journalistin Fatma Aydemir in der Dieburger Buchhandlung Bücherinsel ihren ersten Roman vor: „Ellbogen“ heißt er und hat seit seinem Erscheinen im Januar 2017 viel Lob, aber auch harsche Kritik eingeheimst. Klischeebeladene Unterschichts-Prosa oder kraftvoller Coming-of-Age Roman? Aydemirs Erstling ist letzteres.

„Ellbogen“ lebt von Gegensätzen. Deutschland und die Türkei, Berlin und Istanbul, vor allem aber: Das Leben der Protagonistin Hazal gegen das der vielen Menschen in ihrer Stadt, die scheinbar alles haben. All das, was Hazal nicht hat: Reiche Eltern und den Habitus der Habenden, helle Haare und einen anständigen Job, eine Heimat vielleicht und eine Chance in diesem Deutschland.

Und da drehen sie durch

Hazal hat Eltern, die die Welt ihrer Tochter nicht verstehen, sondern kontrollieren wollen. Sie sind türkische Einwanderer, die im Wedding wohnen, in der Welt des Westens aber nie wirklich angekommen sind. Hazal hat auch: diese Wut im Bauch und dieses Gefühl, keine Wahl zu haben. Die Ohnmacht wird greifbar, als sie und ihre Freundinnen am Türsteher eines angesagten Clubs nicht vorbeikommen. Es ist ein Bild wie ein Plakat: Hazal, Elma und Gül müssen draußen bleiben. Und da drehen sie durch.

„Sie ist genervt von unserem Schweigen und davon, dass  wir nicht wissen, wo wir hingehen.  Dabei wissen wir es, wir gehen nach Hause.  Wo sollen wir denn sonst hin? Wir gehen immer nach Hause.  Aber nicht, weil wir nach Hause wollen, sondern, weil wir immer nach Hause müssen. In unsere kleinen Schachteln mit den niedrigen Decken, in denen unsere Familien leben, wo die Teppichfarbe zur Couch passt und  wo es von jedem Teller zwölf Stück gibt, zwölf tiefe, zwölf flache und zwölf kleine.“ (Ellbogen)

Die Autorin Fatma Aydemir, 30, knallt dem Leser in ihrem Erstling eine ganze Reihe krasser Bilder auf die Seiten: Am stärksten ist freilich die Szene, in der die drei Mädchen in der U-Bahn-Station wie von Sinnen einen wehrlosen Studenten treten, schlagen, stoßen. Diese Nacht wird der Wendepunkt in Hazals Leben, sie flieht in die Türkei. Doch sie merkt schnell, dass auch Istanbul kein Zuhause ist – und dass sie dem, was sie getan hat, nicht entkommen kann.

Frauen, die hassen

Es sind keine Klischees, die Aydemir in ihrem Roman anführt. Denn dafür ist diese Geschichte zu extrem. Außerdem sind es Frauen, die hier hassen, sich mit Gewalt eine Stimme verschaffen und harte Töne spucken. Sie brechen aus aus der Rolle, die ihnen ihre Gesellschaft – und die Parallelgesellschaft, die in diesem Fall die gutbürgerliche ist – zugedacht hat.

Das sind eben nicht abgemalte Bilder, sondern neue Sichtweisen, die die Autorin ihrem Publikum eröffnet. Erzählt in der Ich-Perspektive und in glaubhafter Tonalität, schafft Aydemir dabei einen Kunstgriff: Sie weckt beim Leser unwillkürlich Empathie für eine Protagonistin, die Täter ist. Sie bricht Klischees auf.

Denn da ist noch ein Gegensatz in diesem kurzen, heftigen Roman, der auch junge Leser erreichen dürfte: Der tiefe Riss zwischen dem, was Hazal der Welt von sich zeigt – und dem, was sie ist. Auf der einen Seite das starke, unnahbare, rotzige Chick das sie sein will. Auf der anderen  Seite  die verletzliche, verunsicherte junge Frau, die der Leser aus der Innensicht kennenlernt. Sie will so viel. Und steht am Ende vor so vielen Scherben, in ihrer Ellenbogen-Welt.

Fatma Aydemir: Ellbogen, Carl Hanser Verlag 2017; 272 Seiten, 20 Euro

 

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