Abschied vom American Dream

„Das geträumte Land“ ist erschienen bei Kiwi.

„Das geträumte Land“ mag nur ein Roman sein – aber er stellt die richtigen Fragen, um den Blick  auf unsere Wirklichkeit zu verändern. Die Autorin Imbolo Mbue eröffnet in ihrem Erstling ungewöhnliche Perspektiven: Ihre Einwanderergeschichte spielt 2008 in Amerika, doch die Handlung wäre im heutigen Westeuropa genauso aktuell. Es geht um Gegensätze zwischen Arm und Reich, Schwarz und Weiß. Darum, wie Flüchtlinge und Establishment in einem Land nebeneinander leben und doch in ganz unterschiedlichen Realitäten zu Hause sein können.

Es geht genauer um Jende und seine Frau Neni: Aus der Kleinstadt Limbe in Kamerun hat es sie nach New York gezogen. Jende sucht Asyl und eine bessere Zukunft für seine Familie in Amerika, findet dort aber zunächst nur Arbeit als Chauffeur von Clark. Der ist ein großes Tier bei Lehman Brothers, an der Börse, der Crash steht noch bevor.

Bald arbeitet auch Neni als Haushälterin für Clarks Frau Cindy, Jende und Neni sind materiell von Cindy und Clark abhängig. Als deren Ehe sich als Farce entpuppt und Clark seinen Job verliert, weil seine Investmentbank viel zu lange mit faulen Papieren Geschäfte gemacht hat – da stürzen auch Jende und Neni, kein Netz fängt sie auf. Jende zieht sein Asylgesuch zurück. Mit dem Geld, das sie in Amerika verdient haben, will er ein neues Leben in Kamerun beginnen: diesmal nicht als Straßenfeger, sondern als wohlhabender Mann. Die Frage, ob das ein Scheitern oder ein Triumph ist, bleibt offen.

Scheitern oder Triumph?

Auf ihrem Weg bringt Mbue ihre Figuren immer wieder in Situationen, in denen sie sich entscheiden müssen. Mit jeder dieser Entscheidungen muss der Leser seine Haltung zu Neni, Jende, Clark und Cindy neu bewerten. Jende zum Beispiel ist nicht nur der sorgende Ehemann und Vater, der sein ganzes Streben in den Dienst seiner Familie stellt. Er ist auch der stolze Patriarch, der über das Leben und Geld seiner Frau Neni bestimmt, ohne ihr ein Mitspracherecht zuzugestehen. Und Neni? Ihr Traum von Amerika ist nur noch Hülle: Sie würde ihre Kinder aufgeben, um ihnen ein Leben in den USA zu ermöglichen. Zurück in Kamerun wird sie das gleiche Spiel spielen, das sie in Amerika verloren hat. Sie wird auf Statussymbole setzen, wird Angestellte haben. Wird sie sein, wie Cindy war?

Imbolo Mbue erzählt fließend, locker und doch kenntnisreich: Sie ist selbst von Limbe nach New York gezogen und weiß, wie Einwanderer heute in Amerika leben, wie brutal der Alltag ohne Geld und Papiere sein kann. Die 35-Jährige weiß aber auch, wie die Immigrant Community der Kameruner in New York tickt – was die Menschen essen, wie sie denken, welche Musik sie hören. Sind das Klischees? Eher Einblicke, die ihrem Text Fleisch und Farbe geben.

Vom Glauben an den amerikanische Traum hat sich Mbue, die für diesen Roman gerade den PEN/Faulkner Fiction Award bekommen hat, gründlich verabschiedet. Doch vielleicht ist dieser amerikanische Traum ja gar nicht erst erstrebenswert? Vielleicht lohnt es sich nicht mehr für jeden, seinen Träumen nachzujagen? Und vielleicht ist unserer Welt schlicht kein Platz mehr für Träume?

Einfache Antworten gibt dieser Roman nicht.

„Das geträumte Land,  Imbolo Mbue,  Kiepenheuer & Witsch 2017

 

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