„Das Kaff“ von Jan Böttcher

Das Kaff
Das Kaff (Foto: mm)

Michael Schürtz, Architekt in Berlin, bekommt einen Auftrag in seiner Heimatstadt, über deren schmale Perspektive er – so meint er zumindest – längst hinausgewachsen ist: Die Rückkehr ins „Kaff“ ist das beherrschende Thema im neuen und fünften Roman von Jan Böttcher.  „Das Kaff“ führt damit den literarischen Trend zur Landpartie mit dem klassischen Entwicklungsroman zusammen.  Denn Michael Schürtz muss sein Weltbild auf 267 Seiten gründlich überdenken.

Der Ich-Erzähler kommt also mit Anfang 40 zurück in seine Heimatstadt, die vermutlich gar kein „Kaff“ ist, sondern eher eine Kleinstadt im nördlichen Teil von Deutschland. Von dort ist er als junger Mann regelrecht geflohen ins verheißungsvolle Berlin, wo er bis vor kurzem als Architekt gearbeitet hat.

Mit Anfang 40 zurück in die Heimat

Doch offenbar, wir Leser erfahren es nur allmählich, lief’s zuletzt nicht so gut in der Hauptstadt. Allzu freiwillig hat Michael Schürtz den Auftrag als Bauleiter im „Kaff“ jedenfalls nicht angenommen. Zurück in der alten Heimat stößt er auf die Menschen, die geblieben sind –  und mit denen er eigentlich nichts mehr zu tun haben wollte.

„Das ist der Unterschied zu Berlin, der mich am meisten beunruhigt. In Berlin kommst du an neuen Bekanntschaften gar nicht vorbei, hier bin ich ständig denselben Gesichtern ausgesetzt.“ (Das Kaff,  S. 95)

Jan Böttcher kann anhand dieser Grundkonstellation jede Menge Fragen stellen und abarbeiten, vor allem die eine natürlich: Welche Art zu leben ist die richtige? Bleiben oder gehen? Und muss der, der zurückkommt, eine Niederlage eingestehen? Sind die, die geblieben sind, kleinbürgerliche Spießer? Hat der, der gegangen ist, es wirklich geschafft? Um es vorweg zu nehmen: Die Fragen sind in diesem Roman spannender als die Antworten.

Michael Schürtz jedenfalls glaubt anfangs noch von sich, es geschafft zu haben und urteilt mit lässiger Arroganz über seine alten Schulfreunde, Vereinskollegen und Geschwister, die im „Kaff“ geblieben sind. Doch dann lässt sich der Protagonist notgedrungen auf das Netz ein, das die Kleinstadt bedeutet: In seinem Fall ein echtes, ein Tornetz, er wird Trainer im örtlichen Fußballverein, aushilfsweise. Michael Schürtz wird wieder Teil seines „Kaffs“, er wird gebraucht. Und er zieht (der Liebe wegen), sogar in eines der Häuser ein, die er gebaut hat. Achtung, Sinnbild, denn: So viel Stabilität hat unser Protagonist in Berlin nie erlebt.

Enge Bindungen engen auch ein

Diese Stabilität bedingt vieles: enge Bindungen engen auch ein. Er sieht, was Menschen leisten, über die er so schnell geurteilt hat; er geht näher ran, seine Urteile bekommen ein Fundament, verändern sich.

„Ist es nicht so, dass wir Erfahrungen besonders heftig vor denen verteidigen, die einen anderen Weg gegangen sind?“ (Das Kaff, S. 245)

Bis dahin hätte mir das Buch gefallen können, am Ende war ich trotzdem enttäuscht. Denn Böttcher verspricht mehr als er hält in seinem Roman –  oder vielleicht habe ich mir auch einfach mehr von dem Thema versprochen. Unterm Strich war’s mir gegen Ende zu viel Fußball, zu viel Nostalgie (früher war alles besser auf diesem Fußballplatz!) und zu wenig Tiefe, doppelter Boden. Böttcher rückt die Beziehungen seiner Protagonisten nur halbherzig in den Fokus, schneidet viele Konflikte nur an; die Schlüsselmomente im Roman geraten darüber oft regelrecht platt.

Vielleicht muss man Fußball mögen, um diesen Roman wirklich schätzen zu können. Mein Fazit ist jedenfalls: Man hätte aus diesem Kaff mehr rausholen können.

 

Jan Böttcher: „Das Kaff“, Aufbau Verlag Berlin, 2018. 269 Seiten, 20 Euro. 

 

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