Erst Chaos, dann Coldplay

Vor den Einlasskontrollen beim Münchner Coldplay-Konzert am 6. Juni 2017.
Vor den Einlasskontrollen beim Münchner Coldplay-Konzert am 6. Juni 2017.

Die britische Über-Band Coldplay hat am 6. Juni 2017 ein Konzert im Münchner Olympiastadion gegeben, das mir nicht nur wegen der Musik in Erinnerung bleiben wird. Es war auch das erste Konzert, bei dem ich erlebt habe, wie Großveranstaltung in Zeiten von potentiellem Terror aussehen können. Genau zwei Wochen nach dem Attentat von Manchester, fünf Tage nach dem Terrorverdacht bei Rock am Ring, zwei nach dem großen „Uns-macht-ihr-keine-Angst“-Konzert, das Ariana Grande auf die Beine gestellt hat, die Jungs von Coldplay waren da auch dabei.

Aber Angst ist eben doch ein Thema, wenn über 60.000 Menschen erwartet werden. Und in München sind die Veranstalter nicht sehr gut mit dieser Angst umgegangen. Im Gegenteil: Die erhöhten Sicherheitsvorkehrungen haben dort vielleicht für mehr Sicherheit im Stadion gesorgt. Aber auch für eine größere Gefährdung vor den Einlasskontrollen.

Denn dort herrschte weitgehend Anarchie, orientierungsloses Gedränge und ein schlechtes Informationsmanagement. Am Nachmittag hatten diejenigen, die ihr Ticket auf regulärem Weg erworben hatten, eine E-Mail bekommen: Rucksäcke seien im Stadion nicht erlaubt, nur kleine Taschen. Vor Ort hieß es dann: keine Taschen. Ein einzelner Ordner war abgestellt, den Besuchern das zu sagen. Man hatte (am Eingang Nord, den wir nutzen wollten) einen Stand eingerichtet, an dem Taschen abgegeben werden konnten.

Als wir um 18.30 Uhr dort ankamen, trafen wir Menschen, die allein an dieser Schlange schon eine Stunde standen – ohne zu wissen, ob die Kapazitäten an dieser provisorischen Garderobe überhaupt für alle reichen würden. Andere deponierten ihre Taschen, Rucksäcke, Schirme im Gebüsch und auf Bäumen. Ein Gutteil der Leute ignorierte die Anweisung und stellte sich einfach gleich an der Einlassschlange an.

Wo die anfing, war niemandem wirklich klar; die wenigen Ordner, die die Schlange managen sollten, hatten längst aufgegeben, die Leute davon abzuhalten, seitlich einzuscheren. Ein Ende der Masse war nicht zu sehen. Denn es war eben keine Schlange: sondern ein dicht gedrängtes Pulk, das sich kaum vorwärts bewegte.

Angespannte Stimmungslage

Doch wer mehr Sicherheit will, sollte doch genau diese Art von Menschenkeilerei vermeiden, würde ich meinen. Noch einmal: Zu diesem Zeitpunkt war noch niemand kontrolliert. In Anbetracht der ohnehin angespannten Stimmungslage kann man durchaus davon sprechen, dass die Menschen nervös waren. Ich habe noch nie eine Massenpanik erlebt, aber ich denke, dass genau diese Konstellation die Ausgangslage dafür wäre.

 

 

Dass nichts dergleichen passiert ist, lag am Dienstag vor allem daran, dass die Menschen in der Masse extrem geduldig und besonnen waren. Und das, obwohl sie keinerlei Informationen hatten: Wie lange würden sie anstehen müssen? Käme ein weniger frequentierter Eingang in Frage? Welche Art von Kontrollen erwarteten sie und warum dauerten die so lange? Und vor allem: Würde die Band anfangen zu spielen, bevor alle Menschen auf dem Gelände sind? (Allerdings.)

Derartige Infos per Megaphon durchzugeben wäre ein Leichtes gewesen. Man hätte auch Infotafeln aufstellen können. Oder Wegweiser zu anderen Eingängen für Ortsfremde, denn davon gab es viele – wir haben Fans getroffen, die aus Israel angereist waren, zum Beispiel.

Aufgabe des Veranstalters, nicht der Polizei

All das wäre Aufgabe des Veranstalters Livenation gewesen. Konzertveranstalter Marek Lieberberg hat sich – unabhängig vom Coldplay-Abend – nach dem Zwischenfall bei Rock am Ring mehr Unterstützung von der Polizei gewünscht. In München waren rund 100 Beamte im Einsatz, auch wir haben berittene Polizei gesehen. Allein, was hätte die ausrichten sollen? Wie die Süddeutsche Zeitung schreibt, sollten die Polizisten „vor allem beruhigend wirken“. Für die tatsächliche Sicherheit war in diesem Fall jemand anderes verantwortlich. Und für über 100 Euro Ticketpreis darf man Sorgfalt und ausreichendes Sicherheitspersonal auch erwarten.

Als wir endlich an der Reihe waren, wurden wir übrigens ganz normal kontrolliert, wie bei jedem Konzert. Nur dass hier Berge von echt kleinen Taschen am Boden lagen (ich habe im Stadion trotzdem noch viele Mädels mit Taschen gesehen. Fragt nicht). Frauen mussten kurz vorm Ziel  nochmal länger warten als Männer, weil gerade keine weibliche Sicherheitskraft zum Abtasten greifbar war. Was ich in meinen Jackentaschen hatte, wollte letztlich niemand sehen. Vielleicht war auch Eile geboten, weil Coldplay gerade dabei waren, ihr Konzert zu eröffnen.

Absolute Sicherheit ist eine Illusion

Das Konzert selbst war natürlich vor allem eines, nämlich großartig. Nach der ersten Hälfte waren wir sogar halbwegs angekommen, in der richtigen Stimmung und konnten es genießen.

Versteht mich nicht falsch, mir sind harte Kontrollen lieber als laxe, ich möchte mich auf einem Konzert sicher fühlen. Aber wenn der Veranstalter überfordert wirkt, kann ich das nicht.

Wir müssen vielleicht alle noch dazulernen, Veranstalter, Security, Besucher; denn vielleicht ist so ein Groß-Konzert heute wirklich etwas anderes als noch vor zwölf Monaten (so lange ist mein letztes Coldplay-Konzert her; Stockholm, völlig entspannt). Aber  abgesehen davon: Absolute Sicherheit ist eine Illusion, die sich gerade in diesen Tagen viele Leute gerne andrehen lassen würden. Zu einem verdammt hohen Preis.

 


Ps. Auch interessant: Wie Ariana Grande ihre Benefiz-Konzert so schnell auf die Beine gestellt hat. Nachzulesen bei der New York Times.)

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